Streit zwischen „Gaullisten“ und „Atlantikern“
Obwohl die heute guten Beziehungen zwischen den Bevölkerungen beider Länder ein deutlich sichtbarer Erfolg des deutsch-französischen Vertrages sind, hatten zum damaligen Zeitpunkt viele Politiker Vorbehalte gegen den Élysée-Vertrag. In der heftigen Diskussion über den künftigen außenpolitischen Kurs standen die „Gaullisten“ den „Atlantikern“ gegenüber.
Der Deutsche Bundestag ratifizierte den Vertragstext erst, nachdem er ihm eine Präambel vorangestellt hatte, in der sich der Bundestag zu einer „engen Partnerschaft zwischen Europa und den Vereinigten Staaten von Amerika, zur gemeinsamen Verteidigung im Rahmen des nordatlantischen Bündnisses, der Einigung Europas unter Einbeziehung Großbritanniens und anderer zum Beitritt gewillter Staaten“ bekannte.
Reaktionen von de Gaulle und Adenauer
Mit der Präambel des Deutschen Bundestages wurde der Vertrag, so die Ansicht des französischen Präsidenten Charles de Gaulle, deutlich entwertet. Die Präambel, die nur von bundesdeutscher Seite dem Élysée-Vertrag vorangestellt wurde, zerstörte de Gaulles Hoffnungen, mit Hilfe des deutsch-französischen Bündnisses ein „Europa der Nationen“ als Gegengewicht zu den Vereinigten Staaten zu schaffen.
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Mehr InformationenMit der Präambel machte der Bundestag deutlich, dass für ihn der Élysée-Vertrag der europäischen Integration und der Partnerschaft mit den Vereinigten Staaten unterzuordnen war. Nicht zuletzt von amerikanischer Seite regte sich Unmut gegen die europapolitische Botschaft des Abkommens, weil sie die US-Interessen in Europa empfindlich zu beeinträchtigen schien. Kritik kam auch von anderen europäischen Staaten, die eine exklusive deutsch-französische Allianz fürchteten.
Damit hatten sich de Gaulles Hoffnung auf einen deutsch-französischen Pakt, der die Bundesrepublik aus ihrer atlantischen Bindung lösen sollte, nicht erfüllt. Im Rückblick auf den Vertrag sagte er beim ersten Staatsbesuch in Deutschland nach Vertragsunterzeichnung: „Les traités sont comme les roses et les jeunes filles, ils ne durent qu’un matin“–
Verträge sind wie Rosen und junge Mädchen: Sie blühen nur einen Morgen.
Charles de Gaulle
Adenauer konterte geschickt: „Rosen und junge Mädchen, natürlich haben sie ihre Zeit, aber die Rose – und davon verstehe ich nun wirklich etwas … – ist die ausdauerndste Pflanze, die wir überhaupt haben – sie hält jeden Winter durch.“
Für Adenauer hatte der deutsch-französische Vertrag eine große symbolische Bedeutung für die deutsch-französische Aussöhnung, die er als ein Hauptziel seiner Außenpolitik bezeichnet hatte. Der von de Gaulle verfolgten engen außenpolitischen Zusammenarbeit zwischen Deustchland und Frankreich maß er deutlich weniger Bedeutung bei – zur Unterstützung der französischen außenpolitischen Ambitionen sah sich der deutsche Bundeskanzler zu keiner Zeit verpflichtet.
Dennoch: Der deutsch-französische Vertrag hat die Grundlage für die intensive Zusammenarbeit zwischen den beiden Staaten gelegt und war unbestritten eine weitsichtige Entscheidung.
